Das im oberbayerischen Chiemgau gelegene Reit im Winkl verfügt mittlerweile über fünf vom Deutschen Wanderinstitut zertifizierte Premiumwanderwege für den Sommer. Wir starteten unsere Wanderwoche mit dem Premiumwanderweg Almgenuss auf der Hindenburghütte. „Ja, so eine Hemmersuppe“, entfuhr es den Bauern aus dem Tal früher spöttisch beim Anblick der weitläufigen Hochalm“, erzählt Joseph Haslberger. „Der Hemmer oder auch Weißer Germer genannt ist ein arges Unkraut. Grün, knapp kniehoch und selbst für einen geduldigen Kuhmagen ungenießbar. Nach starken Regenfällen bilden sich in den vielen Mulden der sanft gewellten Hochalm noch dazu große Pfützen, die in Bayern gerne mit dem Ausspruch „A so a Supp’n“ bedacht werden.“ Tja, heute würden jene Unkenrufer große Augen machen. Wurde die 6,5 Kilometer lange Panoramarunde rund um die Hemmersuppenalm doch längst mit dem Gütesiegel „Premiumwanderweg“ ausgezeichnet. Ein weiterer Trumpf dieses Premiumwanderwegs: gleich vor der Hindenburghütte gibt es eine Teststation für Wanderschuhe.

Der Anstieg von der Hindenburghütte führt nur wenige Minuten durch dichten Wald leicht bergauf. Danach verläuft die Route über die weitläufige, malerische Hemmersuppenalm bis zur schmucken Sankt Anna-Kapelle, die bereits 1905 von Almbauern errichtet wurde. Fast schon kitschig thront sie auf einem Vorsprung. Eine kleine Brotzeit auf der Holzbank, mit stetem Blick auf die Winklmoosalm, das Sonntagshorn und das Schumacherkreuz, füllt den Akku nicht nur physisch wieder auf. Ganz automatisch läuft nebenbei ein herrliches Entschleunigungsprogramm.
Der zweite Premiumwanderweg Gletscherblick Alpin erweitert den Almgenuss um eine östliche Schleife. Nach dem Steig zum Pflegereck geht es auf einem einfachen Pfad durch einen Lärchenwald. Später durch eine Latschenzone hinauf zur Durchkaseralm und zum Eggenalmkogel mit dem nahen Straubinger Haus auf 1685 Metern. Konditionsstarke Wanderer können hier noch den Gipfel des 1765 Meter hohen Fellhorns einschleifen.

Über den zahlreichen Stadeln leuchtet die kühne Schneide des Großvenedigers und der komplett versammelten Zillertaler Alpen. Davor ragt das Kitzbühler Horn in den strahlend blauen Himmel. Der stark gekerbte Wilde Kaiser wirkt von hier aus wie ein Monolith. Die sanft-grünen Chiemgauer Alpen erscheinen dagegen fast schon lieblich. Oben von der Egg-Kapelle reicht der Blick gar bis zum Watzmann und zum Hochkalter.

Zurück auf der Hindenburghütte zieht uns der Duft von frischem Schweinebraten in die urige Stube. Spätestens nach dem leckeren Millirahmstrudel wird klar, dass die Hindenburghütte ein schlagkräftiges Argument bei der Verleihung des Wander-Oscars war. Günter Dirnhofer, ein Kleiderschrank von einem Mann shuttelt die Gäste mit seinem Allradbus von Reit im Winkl hoch - direkt auf den Premiumwanderweg. Einmal monatlich immer zum Vollmond hin veranstaltet er mit seinem Team eine Fackelwanderung mit anschließender Hüttengaudi. Auch die verdient das Premiumsiegel. Denn Günter mit seinen Bergfex’n und einem Alphorn-Trio heizt den Gästen nicht selten bis zum Morgengrauen ein. Das hat dann allerdings nichts mehr mit Entschleunigung zu tun.

Der Premiumwanderweg Alpin Chiemseeblick startet am Festsaal im Dorf. Mit zwölf Kilometern Länge und 789 Höhenmetern im Aufstieg wurde er als schwere Premiumwanderung eingestuft. Doch auch diese Tour lässt sich kongenial mit Pausenstopps anreichern. Zum Beispiel auf dem 1061 Meter hoch gelegenen Wetterkreuz, welches sich als famose Aussichtsplattform mit einer gemütlichen Holzbank offenbart. Von hier führt ein schmales Steiglein westlich zur „Bilderbuch-romantischen“ Hutzenalm auf ziemlich genau 1000 Metern Seehöhe. Dort lassen dem hungrigen Wanderer duftende Brotzeitplatten und dampfende Speck- und Kaspress-Knödelsuppen im Nu das Wasser im Munde zusammenlaufen. Immer wenn der Almwirt Rainer Blöchinger schwungvoll aus der urigen Hütte kommt, folgen ihm sämtliche Augenpaare. Nach dem deftigen ersten Gang stellt sich nur noch die Frage: Ein herrlich lockerer Kaiserschmarrn mit Apfelmus oder eine Portion "Almnussen", die Spezialität der Hutzenalm. Frisch in Butterschmalz ausgebacken, in Zimtzucker gewälzt - dazu ein Haferl Kaffee..., Premiumwandern und prima schlemmen ergibt einen unschlagbaren Doppelpack.

Den mit nur 6,5 Kilometern Länge und 296 Höhenmetern im Aufstieg als mittel einzustufenden Premiumwanderweg Kapellensteig haben wir nach diesem Programm locker im Griff. Wir starten wieder beim Festsaal. Marschieren über die Kirche zur Hausbergstraße Richtung Eckkapelle bergan. Biegen aber vorher zum Pötschbichl ab und laufen auf gutem Steig zum Walmberg, wo wir zum ersten Mal in der Ferne das Bayerische Meer, den Chiemsee erblicken. Auf dem Weg zurück passieren wir die Eckkapelle mit ihren wundervollen Lüftelmalereien und Fresken. Der Amthorsteig leitet uns bergab über einen künstlerisch sehr harmonisch angelegten Kreuzweg zur Kriegerkapelle. Sie wurde zu Ehren der in den Weltkriegen gefallenen Reit im Winkler errichtet. Über den Scheffelsteig, der uns nochmal eine tolle Tiefsicht von seiner Aussichtskanzel auf Reit im Winkl beschert, gelangen wir zurück zum Festsaal.
Die Nummer fünf, der Premiumwanderweg Klausenbachklamm überrascht mit einem neuen Landschaftstypus. Er führt vom Sportplatz über die Loferauen leicht bergauf zum Hochmoor Mühlau.

Bei der Demel-Hauseralm erreichen wir mit 891 Metern den höchsten Punkt des letzten Streichs. Heute sind es nicht die gewaltigen Panoramen, die uns beeindrucken, sondern die wildromantische Waldlandschaft, das Hochmoor und der verwunschene Schluchtweg durch die Klausenbachklamm. Der Fünferpack für Wanderfreaks, das Quintett aus Premiumwanderwegen hat uns vollends überzeugt. Zum Abschluss werden wir diese Wanderwoche gebührend in einem der schönen Wirtshäuser Reit im Winkls feiern.



