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Naturlandschaft Wanninchen - Wo die Wildnis zurückkehrt

Naturlandschaft Wanninchen - Wo die Wildnis zurückkehrt

Von der Redaktion·5 Min. Lesezeit

Nach jahrzehntelanger Zerstörung hat die Natur hier eine zweite Chance erhalten - Wo sich einst Braunkohlebagger in die Tiefe gruben, erstreckt sich heute ein 3 300 Hektar großes Naturparadies aus bizarren Dünen und weiten Seen.

Wir sind Farina und Sascha – freiberufliche Naturfotografen und Autoren, die ihr Zuhause im Camper dorthin mitnehmen, wo die Wildnis ruft. Heinz Sielmann gehört seit vielen Jahren zu unseren großen Vorbildern. Seine Filme haben Generationen für die Natur begeistert. Heute selbst auf Flächen unterwegs zu sein, die seinen Namen tragen, ist für uns etwas Besonderes. Wanninchen liegt im Naturpark Niederlausitzer Landrücken. Dieser Ort beeindruckte uns durch seine Artenvielfalt, aber auch durch seine Geschichte und die Frage, was geschieht, wenn die Natur nach einer Zeit der Zerstörung wieder Raum bekommt.

Die Metamorphose: Vom ökologischen Desaster zum Wildnisgebiet

Ab 1975 fraß sich der Braunkohletagebau Schlabendorf-Süd durch die Niederlausitz. Große Teile der Landschaft wurden abgetragen – Wälder, Moore, Äcker und Gewässer verschwanden. Ganze Dörfer mussten dem Tagebau weichen. Auch das ursprüngliche Dorf Wanninchen wurde 1986 fast vollständig abgerissen; seine Bewohner verloren ihre Heimat. Nur ein Gehöft blieb erhalten – heute beherbergt es das Heinz Sielmann Natur-Erlebniszentrum Wanninchen.

Als 1991 der Tagebau eingestellt wurde, blieb eine tiefgreifend veränderte Landschaft zurück. Offene Sandflächen und schroffe Dünen trafen auf künstliche Reliefs und Tagebaurestlöcher. Ein Ort der Extreme, an dem spezialisierte Arten ihre Chance erhielten.

Im Jahr 1999 besuchte der Tierfilmer Heinz Sielmann gemeinsam mit seiner Frau Inge das ehemalige Abbaugebiet und war von der Entwicklung beeindruckt. Nur ein Jahr später unterzeichneten sie mit ihrer Stiftung den Kaufvertrag für die ersten 722 Hektar Land rund um Wanninchen. Die Vision war: auf großer Fläche eine natürliche Entwicklung der Landschaft ermöglichen. Weitere Flächen kamen hinzu, sodass die Naturlandschaft auf mehr als 3 300 Hektar wuchs.

Mit dem Wiederanstieg des Grundwassers füllten sich die ehemaligen Tagebaurestlöcher; große Wasserflächen wie der Schlabendorfer See entstanden. Aus einer von Baggern und Förderbrücken geprägten Landschaft wurde ein Mosaik aus Seen, Dünen, Wäldern, Moorbereichen und offenen Flächen.

Schlabendorfer See: Entstanden in Gruben, die der Tagebau einst in die Landschaft fräste
Schlabendorfer See: Entstanden in Gruben, die der Tagebau einst in die Landschaft fräste

Unser Abenteuer in Wanninchen: Das Erwachen der Kraniche

Unser Camper stand unweit des Natur-Erlebniszentrums. Noch vor Sonnenaufgang machten wir uns mit der Kamera auf den Weg. Wir warteten auf den Moment, für den im Herbst zahlreiche Menschen nach Wanninchen kommen: den morgendlichen Aufbruch der Kraniche.

Zunächst drangen einzelne Rufe durch die Dunkelheit. Mit dem ersten Licht regte sich Bewegung in den Schlafplätzen. Kraniche erhoben sich aus dem flachen Wasser und die ersten Gruppen flogen über uns hinweg. Vor dem heller werdenden Himmel zeichneten sich ihre Silhouetten ab. Tausende Kraniche halten sich hier im Herbst auf dem Durchzug auf. Morgens verlassen sie ihre Schlafgewässer und fliegen zu den umliegenden Nahrungsflächen. Für uns als Fotografen war es ein unglaublicher Moment: das Trompeten, das erste warme Licht und die großen Vögel über der Landschaft.

Mit lautem Gezwitscher sammelten sich in der Nähe weitere, kleinere Zugvögel: Die Stare bewegten sich wie ein einziger Organismus über der Landschaft. Ihr Schwarm veränderte ständig seine Form und verschwand schließlich am Horizont. Insgesamt hielten sich etwa 15 000 von ihnen in der Region auf. Zu ihnen gesellten sich rund 8 000 Graugänse. Immer wieder erhoben sich riesige Gruppen gleichzeitig in die Luft, drehten einige Runden und ließen sich wieder nieder. Es war einer dieser Tage, an denen man aufhört, die einzelnen Motive zu zählen.

Mikrokosmos im Sand: Die heimlichen Herrscher der Dünen

Am Nachmittag ging es vom Panorama zum Detail. Die offenen Sandflächen und Dünen wirken auf den ersten Blick karg. Für spezialisierte Arten sind sie wertvoll. Wo Nährstoffe fehlen, Bäume nicht geschlossen wachsen und die Sonne den Sand erwärmt, finden Tiere Lebensbedingungen, die in unserer intensiv genutzten Landschaft selten geworden sind.

Wir entdeckten einen Dünen-Sandlaufkäfer. Die Tiere sind schnelle Jäger und flitzen über den Sand. Daneben entdeckten wir die Blauflügelige Sandschrecke und die Blauflügelige Ödlandschrecke. Beide sind an offene, trockene Lebensräume angepasst. Ihre Tarnung macht sie auf dem Sand schwer erkennbar. Erst beim Aufspringen zeigen sie ihre auffällig gefärbten Hinterflügel.

Eine Meisterin der Tarnung: die Blauflügelige Ödlandschrecke.
Eine Meisterin der Tarnung: die Blauflügelige Ödlandschrecke.

Ein Highlight war der Sandohrwurm, der auf offene, feinsandige Bodenstellen angewiesen ist. Im dichteren Kraut am Rand der Sandflächen entdeckten wir schließlich noch einen Warzenbeißer, eine kräftige Laubheuschrecke mit beeindruckenden Beißwerkzeugen. Manchmal begeistern gerade die kleinen Motive.

Gänsehaut im Abendlicht: Das Heulen der Wölfe

Als sich der Tag dem Ende neigte, kehrten wir zu einem Aussichtspunkt zurück, um den abendlichen Kranicheinflug zu fotografieren.

Dann wurde es dunkel. Die Rufe der Kraniche wurden leiser, der Himmel färbte sich tiefblau und die Landschaft auf der anderen Seite des Sees verschwand in der Dämmerung. Plötzlich hörten wir etwas anderes: Ein Wolf heulte. Der Ruf war unverkennbar. Nach kurzer Zeit antwortete ein weiteres Tier, dann noch eines. Etwa eine Minute lang hörten wir ihre Stimmen aus der Dunkelheit. Wir standen einfach da und lauschten. Als die Rufe verstummten, gingen wir überglücklich schlafen.

Der krönende Abschluss: Eine Begegnung am Waldrand

Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen. Mit vollen Speicherkarten machten wir uns auf den Weg, steuerten zuvor aber noch eine kürzlich abgebrannte Kiefernfläche an. Wir suchten dort den Schwarzen Kiefernprachtkäfer, eine auf frisch verbranntes Holz spezialisierte Art. Den Käfer fanden wir nicht. Dafür fand uns jemand anderes.

Während wir durch die Landschaft wanderten, bemerkten wir plötzlich hinter einem Busch einen Umriss: ein Wolf. Nur wenige Dutzend Meter entfernt stand er in der Deckung und beobachtete uns offenbar schon eine Weile. Als er bemerkte, dass auch wir ihn entdeckt hatten, zog er sich zurück. Uns blieben wenige Sekunden, um die Kamera zu heben. Ein einziges Foto gelang, bevor er hinter den Büschen verschwand.

Für wenige Sekunden lief uns der Wolf vor die Kamera
Für wenige Sekunden lief uns der Wolf vor die Kamera

Wir waren gekommen, um einen kleinen Käfer zu suchen. Gefunden haben wir ihn nicht. Stattdessen stand plötzlich eines der größten Wildtiere unserer heimischen Natur vor uns. Vielleicht hätte man diese Begegnung nicht besser planen können – und genau deshalb hätte man sie auch niemals planen können.

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