Die Komplexität der Welt bleibt zwar gleich, aber mit dem Fortschritt in der Forschung eröffnen sich immer wieder neue Horizonte und scheinbare Gewissheiten werden als Vorurteile demaskiert.
Schleimpilze galten lange Zeit als eine besondere Klasse unter den Pilzen, eine Reminiszenz dieser Fehleinschätzung ist heute noch ihre populäre Bezeichnung: Schleim-pilze bzw. ihr wissenschaftlicher Name: Myxo-myceten.
Pilze galten lange Zeit als eine Art von Pflanzen. Heute sind „normale“ Pilze, Ständer- und Schlauchpilze, „Inhaber“ eines eigenen Reiches, angesiedelt zwischen Pflanze und Tier. Sie wachsen ortsfest, was Tiere in der Regel nicht tun, aber sie brauchen Nährstoffe wie Zucker von außen, auf was Pflanzen, so sie über die Fähigkeit zur Photosynthese verfügen, getrost verzichten können.
Und die Schleimpilze? Wozu gehören sie? Sie sind noch mysteriöser, denn ihr Leben spielt sich nicht nur in Finsternis, sondern auch in Phasen ab, die unterschiedlicher kaum sein können und gleichsam zwischen Pflanze und Tier oszillieren. Zu dem eigenständigen Reich der Pilze gesellt sich nun mithin das nicht minder eigenständige, noch geheimnisvollere Reich der Myxomyceten, der „Blobs“, wie der Schleimpilz im englischsprachigen Teil der Welt genannt wird.

Das Aussehen
Schleim eben, und dazu meist noch farblos. Auf alle Fälle kein erbaulicher Anblick für Menschen, die sich diesen Organismen nicht mit Hingabe widmen. Außer einigen auch als Plasmodium eindeutig identifizierbaren Arten wie etwa der gelben Lohblüte, auch Mondkacke, Rühreipilz oder Hundekotze genannt, dem nach „Waldkaviar“ aussehenden Lachsfarbenen Schleimpilz und dem leuchtend roten Blutmilchpilz ist das Plasmodium beinahe aller anderen Arten samt seiner schleimigen Spur mit bloßem Auge kaum identifizierbar und trägt meist nur wissenschaftliche Namen in lateinischer Sprache. Aber insgesamt kann man sagen, das Plasmodium ist einem weitgehend zweidimensional anmutenden Belag oder einem flachen Polster ähnlich mit einer ausgeprägt fädigen Netzstruktur, dem „Rand“ zu deutlicher als im „Zentrum“.
Prinzipiell sind Schleimpilze sogar essbar, das heißt: sie sind so weit man weiß nicht giftig. Verspeisen mag man sie in der Regel trotzdem nicht, aber auch hier gibt es Ausnahmen: Die gelbe Lohblüte etwa zählt gebraten zu den Leckerbissen – zumindest in Mittelamerika.
Phasen im Lebenszyklus der Schleimpilze
Die schleimigen Verwandlungskünstler sind beileibe nicht die einzigen Lebewesen, die Metamorphosen durchmachen. Aber einmal mehr Tier, einmal mehr Pflanze, das ist schon etwas ganz Einzigartiges. Aber der Reihe nach:
Die Wachstumsphase - das große Fressen
Schleimpilze entstehen aus Sporen, die der Wind und andere Umwelteinflüsse irgendwohin, meist im Wald, befördern. Ist es dort schön dunkel und feucht, entwickelt sich die Spore, wenn sie nicht gefressen wird, über mehrere Stadien des Wachstums zu einem amöbenhaften Einzeller, der ständig auf der Suche nach Futter in Bewegung ist. Dieser Einzeller, das Plasmodium, enthält Dutzende, später Tausende und Millionen Zellkerne, in der die Erbinformation gespeichert ist, aber nur eine Zellwand. Manchmal schnürt sich die Riesenzelle an einer Stelle ein und „gebiert“ ein neues genau ebenbildliches Wesen (Klon), das sich dann auf seinen eigenen Weg machen kann.
Die Phase des Plasmodiums ist die des Fressens und Wachsens, zielstrebig sucht das Wesen nach Bakterien, Pilzsporen, Mikroorganismen und anderen organischen Stoffen und weidet dabei den Waldboden mit überschaubarer, aber relativ zu seiner Größe hoher, Geschwindigkeit ab. Es verhält sich eben wie ein Tier auf der Suche nach Nahrung. Und dabei beinahe intelligent. Wie ein Spürhund geht es auf Spurensuche, und bei dieser Suche ist es erstaunlich effizient. Es findet den jeweils kürzesten Weg zur Nahrung, umgeht oder „beseitigt“ Störungen oder gewöhnt sich an diese. Auch geht es keinen Weg zweimal, es „weiß“ bzw. „riecht“, wo es schon war und nichts mehr zu holen ist und wo es früher auf Widerstände gestoßen ist. Und es kann seine Kenntnisse bzw. Erinnerung mit anderen gleichartigen Wesen, meist seinen Klonen, teilen.

Fortbewegung und Fressverhalten
Aber wie bewegt es sich fort, und wie frisst es eigentlich? Die Bewegung erfolgt auf zweierlei Art. Es werden temporäre Stummelfüßchen (Pseudopodien) per Ausstülpung gebildet, mithilfe derer es wandert. Zudem puscht der Druck in seinen Netzfäden, den Venen, das Ganze in die jeweils gewünschte Richtung. Dass es die richtige Richtung ist, dafür sorgen in den Venen „pendelnde“ Botenstoffe. Das Fressen erfolgt strikt nach Amöbenart, die Nahrung wird umzingelt, eingeschlossen, zwangsintegriert und in der Zelle absorbiert. Abfallstoffe werden ebenso wie bei Mensch und Tier ausgestoßen und zurückgelassen - eine Schleimspur, die wiederum anderen Waldbewohnern als Nahrung dienen kann. Und diese Schleimspur hat es „in sich“. Schwermetalle, Bakterien und Giftstoffe, die mit der Nahrung aufgenommen wurden, sind verdaut, die Abbauprodukte nicht nur für Pflanzen und Tiere interessant, sondern auch für die Humanmedizin und die Forschung generell. Übrigens, der Schleimpilz (Myxomycet) schädigt nicht das Holz/Boden über den er kriecht, er weidet dieses tatsächlich nur ab.

Es ist schon erstaunlich, wie ein derart flacher und unstrukturierter Organismus gezielt umherkriecht und dabei immer größer und dicker wird. Stellt man ein eingetrocknetes Plasmodium der gelben Lohblüte - in dieser Form wird es auch im Handel angeboten - über Nacht in einer Petrischale in einen dunklen Schrank im Labor und befeuchtet das Präparat, kann man sich am Morgen auf eine Überraschung gefasst machen, insbesondere dann, wenn irgendwo Nahrung in erreichbarer Nähe ist. Öffnet man die Schranktüre, wird man angesichts einer überquellenden eidottergelben Masse vielleicht sogar die Fassung verlieren.
Diese Eigenschaft kam der Filmindustrie in Hollywood wohl recht gelegen, inspirierte es doch das Genre der Science-Fiction-Horror Filme zu Phantasien über einen außerirdischen Schleimpilz, dem alles verzehrenden: „Blob – Schrecken ohne Namen“, wie der Streifen in Deutschland heißt. Ganz so weit hergeholt ist der Grundgedanke jedenfalls nicht, lässt man die generelle Problematik außerirdischen Lebens einmal beiseite. Auch unsere irdischen Blobs sind ziemlich resistent gegen Anfechtungen aller Art, extrem gierig und nicht allzu wählerisch in der Wahl und der Absorption ihrer Nahrung.

Die Phase der Fortpflanzung
Irgendwann ist es dann soweit, die Phase des Fressens findet ein Ende, ebenso wie die Vermeidung von Helligkeit. Die letzte Bewegung im Zyklus ist eine Klettertour. Nun ist Licht gefragt (positive Phototaxis), denn wo Licht ist, weht kommt in der Regel auch Wind.
Dieser, unterstützt von andern sekundären Verbreitungshelfern, besorgt letztlich die Vermehrung. Ist ein lohnender Platz, meist auf einem Baumstumpf oder einem liegenden Stamm, erreicht, ist es mit der Bewegung vorbei, nun ist pflanzenartiges Verhalten angesagt.
Aus der Masse des Plasmodiums, diese gleichsam zu einem häutigen Etwas ummodelnd, wachsen kleine Stielchen, an deren Enden Sporenbehälter (Sporocarpien) stehen oder hängen. Diese sind meist kugelförmig, auch zylindrische Formen treten auf. Sie sind der Star der Makrofotografie. Wie „Wesen von einem anderen Stern“ erscheinen sie in zahllosen Gestalten, Ausprägungen und vor allem – Farben. Nur in diesem Stadium kann man die meisten Arten auch erkennen und eindeutig zuordnen.
Sind die Sporen einmal freigesetzt, hat sich der Lebenszyklus vollendet – oder auch nicht, das ist nicht immer ganz klar. Jedenfalls vertrocknet der gesamte Organismus, der eigentlich zu diesem Zeitpunkt nur noch aus den vertrockneten Fruchtkörpern, einer Art trockener Haut als Basis, und Reminiszenzen der Schleimspur besteht. Meist ist das ein endgültiger Zustand, jedoch scheint dies nicht immer das letzte Wort zu sein. In der Fressphase kann das Plasmodium wie die Fruchtkörper auch, wenn die Umstände ungünstig sind, etwa wenn es zu heiß und trocken ist, eine Überdauerungsform (Sklerotium) bilden und so bis zu mehreren Jahren scheintot ausharren. Wenn die Existenzbedingungen sich zum Besseren wenden, erwacht es wieder zum Leben.

Der Schleimpilz und der Mensch
Naturfotografen und Biologen sind nicht die Einzigen, die sich für Myxomyzeten interessieren. Pharmazeuten, Genetiker und Biochemiker sind der enormen Widerstandskraft gegen Schädigungen auf der Spur, Physiologen und Neurowissenschaftler sinnen erneut über das Wesen von Intelligenz und deren Voraussetzungen nach. Umweltbiologen und Naturschützer wollen ihre Fähigkeiten nutzen, um Böden zu entgiften, Ölteppiche und Mikroplastik organisch abzubauen und Städteplaner studieren beim Entwerfen von Infrastrukturen vermehrt genau die Vorgehensweise der Blobs. Naturapotheke und Bio-Engineering lassen grüßen.



