Für meinen Mann Charly und mich hat der Ort, der See, die Berge rundum, eine Qualität, die man nicht oft findet. Keine zwei Stunden dauert es von München aus über die „Salzburger Autobahn“ und die Inntal-Route, vorbei am Passionsspielort Erl, an Brannenburg und kurz vor der Grenze bei Kiefersfelden, hinter der die „Perle Tirols“, Kufstein liegt. Da biegt man in Oberaudorf nach links ab, weg vom Inn auf die 172er, und keine zwanzig Minuten später ist man am Ziel.
Ein friedliches Stückchen Erde
Das Gebiet besteht im Wesentlichen aus einem langen, aber auch weiten, offenen Tal, das die Bayerisch-Österreichischen Voralpen um Kampenwand, Hochplatte und Geigelstein einerseits vom Kaisergebirge und dem Unterberghorn andererseits trennt und schließlich in Kössen und Reit im Winkl ins Berchtesgaderner und Salzburger Land übergeht.
Gerade der Übergang vom noch eher sanften, nur an den Gipfeln selbst felsigen Grasbergland zum hochalpinen Wilden Kaiser, macht einen Großteil seines Charmes aus. Der südlich des Sees gelegene Zahme Kaiser, der gar so zahm nur im Vergleich zum wilden Gegenpart südlich ist, ist nicht hoch bzw. nah genug, um den See in seinen Schatten zu tauchen, bietet aber andererseits mit Gipfelhöhen bis 2002 Meter eine beeindruckende, Kulisse. „Kaiserwinkel“ eben.

Das Dorf, entlang des Sees gelegen, ist freilich touristisch geprägt, aber nicht mit Touristenburgen zugepflastert, selbst die Hotels, die meisten aus den Gründerjahren mit dem entsprechenden Charme, haben noch „Wohlfühlformat“. Und es gibt sie hier noch, die gemütlichen Familienpensionen, und sogar zwei Campingplätze, am Seespitz und einem am südlichen Seeufer.
Der Walchseer Hof
Wir nehmen traditionell Logis im Walchseer Hof, einem altehrwürdigen 4-Sterne Hotel direkt im Dorf nah am See mit „integrierter“ Gastwirtschaft inklusive Biergarten, dem „Schopferwirt“. Seit 1934 ist die Familie Kaltschmid am Ruder, inzwischen in vierter Generation. Zu den Betreibern, auch den ganz neuen, die seit diesem Jahr in der Verantwortung stehen, haben wir inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut.

Neben der familiären Atmosphäre beeindruckt uns vor allem die hier gelebte Nachhaltigkeit, die sich in allen Aspekten, von der baulichen Gestaltung über die „Vergütung“ einer umweltschonenden Anreise bis zu der Speisekarte zeigt, auch wenn dieses Konzept eher zurückhaltend kommuniziert bzw. vermarktet wird. Selbst an Ladestellen für’s E-Auto fehlt es nicht. Es ist nicht einfach, ein Gebäude, das auf das Jahr 1520 zurückgeht, energetisch so zu betreiben, dass man sogar ein Umwelt-Zertifikat, das „Österreichische Umweltgütezeichen“, für den Betrieb bekommt.
Ein Haus, das ein halbes Jahrtausend alt ist, hat ganz unvermeidlich schon viel durchgemacht. Besonders wenn es mit Fresken geschmückt ist, die ein national sehr bekannter Maler Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an die Fassade gepinselt hat.
Also kommt zur energetischen Sanierung jeweils auch der konservatorische Gestaltungsaspekt hinzu, was hier unter anderem bedeutet, dass für die Auffrischung der Malereien neben stabilem Handwerk und künstlerischer Einfühlung auch ausschließlich die Verwendung von Farben in Frage kommt, die genauso erzeugt und gemischt werden wie es der Künstler ehedem gemacht hat.

Gutes Essen aus der Region
Der Gasthof Schopferwirt im Haus – übrigens der ursprüngliche Name des gesamten Anwesens – trägt den Gedanken der Nachhaltigkeit weiter, und das auch nicht erst seit gestern. Die Zutaten kommen, soweit möglich, aus der Region und werden jeweils zur passenden Saison liebevoll serviert. Es ist eine feine, aber immer bodenständige Küche, die im Panorama-Speisesaal oder im Biergarten auf den Tisch kommt.
Manchmal auch Sport
Der See hat für uns eine herausragende Bedeutung, vom Baden im Strandbad über die lauschige Wanderung um den See, die knapp sechs Kilometern lang ist, bis zu unserem neuesten Hobby, dem Stand-up-Paddling.
Wir sind „E-Biker“, und für solche wie uns bieten sich erstaunliche Möglichkeiten südlich wie nördlich des Sees, etwa zum Walchseer Hausberg, dem Heuberg als Bike& Hike Tour, ins Kaiserbachtal oder auf die Naring-Alm, um nur wenige zu nennen. Marc Kaltschmid bietet auch geführte Mountainbike-Touren an – mit oder ohne Tretunterstützung. Dazu vielleicht noch etwas Golf, die Neun-Loch Anlage ist gleich nebenan, „eine 18er“ auch noch in mittelbarer Nähe auf dem Weg nach Kössen.
Eine unserer Lieblings-Touren führt auf die nur wenige Kilometer von Walchsee entfernte Naring-Alm unter dem Gipfel der Rudersburg auf 1.100 Metern Höhe in den Chiemgauern. Die Alm, 1911 erbaut, ist urgemütlich und der Panoramablick nach Süden einfach phänomenal. Und für das leibliche Wohl nach der langen Auffahrt bzw. Anstieg - wir wechseln hier immer, je nach Lust und Laune, ab – ist bestens gesorgt, zu moderaten Preisen.
Und dann noch: Die Natur
Umwerfend, ohne grandios zu sein. Keine Dreitausender, dafür das größte Hochmoor Nordtirols, die Schwemm mit ihren Dutzenden von exotischen Pflanzen und Tieren. Nur schade, dass das Gebiet immer noch nicht unter Naturschutz steht.
Die Berge: eher anheimelnd im Norden des Tals, ein wenig bedrohlich südlicher, und – mit Goinger Halt und Fleischbank und dem ganzen Gipfelkamm des Wilden Kaiser mächtig und Ehrfurcht gebietend. Nicht umsonst sind wir hier im „Kaiserwinkl“ – da ist doch alles gesagt.




