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Wo die Welt noch aussieht wie vor 200 Jahren - Weidelandschaften im Herzen Rumäniens

Wo die Welt noch aussieht wie vor 200 Jahren - Weidelandschaften im Herzen Rumäniens

Von Michael Eick·5 Min. Lesezeit

Dort kann man abseits ausgetretener Tourismuspfaden eine Welt erkunden, wie es sie kaum noch irgendwo in Europa gibt: Ausgedehnte Huteweiden mit uralten Baumriesen, blühende Blumenwiesen mit einer atemberaubenden Artenvielfalt, Landschaften, in denen der Chor der Vogelstimmen noch voll besetzt ist. Dazu genügt es, ein Stündchen unter einer der gewaltigen Huteeichen innezuhalten und die Landschaft zu betrachten: weite Täler mit halboffener Vegetation, also ausgedehnte, savannenartige Weideflächen mit Einzelbäumen, kleinen Gehölzinseln und Wäldchen.

Flächen mit bunter Blütenpracht sind andernorts längst eine Seltenheit
Flächen mit bunter Blütenpracht sind andernorts längst eine Seltenheit

Im Tal ist der Lauf eines Gewässers anhand der natürlich gebliebenen Aue nachzuvollziehen. Ein Schreiadler kreist darüber. Auf der Hochebene gegenüber ist das Grasland fast baumfrei. Irgendwo zwischendrin ein kleines Dorf. Da und dort grasen Kühe, auch ein paar Pferde, man hört die Glöckchen einer Ziegenherde und das Bellen eines Hundes. Ansonsten Vogelgezwitscher und Grillenzirpen. Kein Zivilisationslärm, keine Straßen zerschneiden die Idylle, keine Stromleitungen überqueren die Hügel am Horizont. Die Zeit scheint still zu stehen. Es braucht nicht viel Phantasie und man fühlt sich um zweihundert Jahre zurückversetzt.

Idyllische Landschaft soweit das Auge reicht.
Idyllische Landschaft soweit das Auge reicht.

Man findet sich plötzlich wieder in einer Landschaft, die einem Gemälde von Caspar David Friedrich gleicht. Die Eindrücke dieser weitläufigen Hügellandschaften sind beeindruckend. Gegenden mit einer solch großartigen Kulisse und nur so wenigen menschlichen Siedlungen wecken gleichzeitig Begeisterung und ein gewisses Gefühl von Sentimentalität. Die Erkenntnis, dass viele Gegenden bei uns einst auch so ausgesehen haben, macht sich schnell breit, wenn man alles mit offenen Augen betrachtet und sich von der Faszination der Landschaft begeistern lässt.

Täler, durch die der Braunbär noch ganz selbstverständlich streift und abends aus dem Wald auf die Wiese kommt, um dort auf Nahrungssuche zu gehen. Dornsträucher, in denen der hierzulande extrem seltene Raubwürger zum üblichen Arteninventar zählt. Wiesen, auf denen Schmetterlinge vorkommen, die man in Deutschland heutzutage vergeblich sucht, wie beispielsweise der Regensburger Gelbling oder der Segelfalter.

An den steileren Hängen gibt es Stellen mit offenem Boden - ideale Niststätten für Wildbienen. An größeren Steilkanten kreisen bunte Bienenfresser, die dort ihre Brutkolonien errichtet und kleine Höhlen in das Lockermaterial gegraben haben.

Wildbienen wie die Skabiosen-Sandbiene (Andrena marginata) benötigen offene, besonnte Bodenstellen zur Eiablage und die richtigen Pflanzen als Nahrungsquelle.
Wildbienen wie die Skabiosen-Sandbiene (Andrena marginata) benötigen offene, besonnte Bodenstellen zur Eiablage und die richtigen Pflanzen als Nahrungsquelle.

Auch auf manchen ausgedehnten Weideflächen findet man zahlreiche Vogelarten, die in Deutschland ganz oben auf der Roten Liste stehen. Sie kommen hier ganz normal vor. Auf höheren Stauden in Wiesen haben Braunkehlchen ihre Warte, der heisere Gesang der Grauammer klingt von einem Busch herüber. An Offenbodenstellen der Brachpieper eingefunden, darüber trällert die Heidelerche ihr melodisches Lied. Ein Steinhaufen irgendwo ist wie selbstverständlich vom Steinschmätzer besetzt. Aus feuchteren Wiesen hört man am Abend den Wachtelkönig schnarren. In den dornenreichen Sträuchern brüten überall Sperbergrasmücken und Neuntöter.

Der Neuntöter spießt seine Beute – Insekten, Reptilien, kleine Nager und Jungvögel – zur Bevorratung auf Dornen auf
Der Neuntöter spießt seine Beute – Insekten, Reptilien, kleine Nager und Jungvögel – zur Bevorratung auf Dornen auf

Aber auch dessen seltene Verwandte, Raubwürger und Schwarzstirnwürger, der in Deutschland seit Jahrzehnten ausgestorben ist, kommen hier noch nebeneinander vor. Alle Vogelarten sind an ihrem angestammten Platz. Der enorme Struktur- und Insektenreichtum der Flächen macht es möglich, dass all diese Arten hier noch zu finden sind.

Ein Schwarzstirnwürger hält auf einem dürren Bäumchen inmitten einer Kuhherde Ausschau nach Beute.
Ein Schwarzstirnwürger hält auf einem dürren Bäumchen inmitten einer Kuhherde Ausschau nach Beute.

Auch kulturhistorisch hat Siebenbürgen viel zu bieten: Die von der UNESCO ausgezeichnete Ortschaft Deutsch-Weißkirch (Viscri) mit ihrer beeindruckenden Kirchenburg oder die wunderschöne Altstadt von Scheßburg (Sigisoara) mit ihren prächtigen Bauten und einem richtigen Märchenschloss. Die Siebenbürger Sachsen haben die gesamte Gegend am Fuße der Karpaten über Jahrhunderte geprägt - mit ihrer Kultur, mit ihren Gebäuden und eben auch wie sie die Landschaft genutzt haben. Vieles davon hat sich bis zum heutigen Tag erhalten und gewährt einen Einblick in eine Welt, in der Landnutzung keinen Naturschutz brauchte, weil eben alle Strukturen, die es für eine üppige Artenvielfalt braucht, vorhanden waren. Und es gibt sie heute noch - zum Glück.

Die beeindruckendsten Landschaften, die man gesehen haben sollte, sind beispielsweise der Hutewald von Mercheasa mit uralten und riesigen Eichen, in denen Bunt-, Mittel-, Grün-, Grau- und Kleinspecht sowie der Wendehals brüten und an denen seltene totholzbewohnende Käfer, wie der Heldbock oder der Hirschkäfer entlang krabbeln. Die weitläufige Weidelandschaft beherbergt ganz unterschiedlichen Weideformen: Rinder, Büffel, Pferde, aber auch Schafe und Ziegen. Dadurch entsteht eine einzigartige Mischung aus verschiedenen Nutzungen und Vegetationstypen.

Weitläufige Weidelandschaften - wie in einer anderen Zeit
Weitläufige Weidelandschaften - wie in einer anderen Zeit

Vergleichbar mit dem legendären „Auenland“ aus „Herr der Ringe“ sind die sonderbar geformten Hügel der Hundertbücheln - kleine, steile Kuppen, die zu Dutzenden verstreut in der Ebene liegen und einen ganz besonderen Anblick bieten. An ihren Hängen findet man die artenreichsten Wiesen, je nach Lage und Ausrichtung haben sie ganz unterschiedlichen Charakter. Man kann hier auf kleinstem Raum ganz verschiedene Mikrohabitate erleben.

Einer der häufigsten Greifvögel ist hier der Schreiadler, den man überall zu Gesicht bekommt.
Einer der häufigsten Greifvögel ist hier der Schreiadler, den man überall zu Gesicht bekommt.

Gegenden in denen die üppige Vogelwelt, das Flattern unzähliger Schmetterlingsarten und ruhig in der Landschaft grasende Rinder, Wasserbüffel, Pferde, Ziegen und Schafe lebendige Gemälde zaubern. Vogelstimmen, wie die des Pirols, der Heidelerche, des Braunkehlchens oder der Sperbergrasmücke sind hier allgegenwärtig.

Im Abendlicht wagt sich ein beeindruckender Bewohner der urwüchsigen Wälder heraus - der Braunbär.
Im Abendlicht wagt sich ein beeindruckender Bewohner der urwüchsigen Wälder heraus - der Braunbär.

Wer einmal die Ursprünglichkeit europäischer Landschaften erleben möchte, eine enorme Artenvielfalt -nicht nur der Vogelwelt - entdecken und einen Sprung in eine ganz andere Zeit wagen möchte, sollte sich vom Charme Siebenbürgens faszinieren lassen, mit seinen Landschaften, wie es sie einmal fast überall in Europa gab.

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