Ich fuhr am Nachmittag des ersten Tages mit meinem kleinen Mietwagen in Tiflis los. Für die Strecke in das 154 Kilometer nördlich gelegene Marktstädtchen St. Stefan (Stepanzminda) am Fuße des Kazbeg benötigte ich gut drei Stunden.

Die Nationalstraße S 3 ist identisch mit der historischen „Georgischen Heerstraße“. Der alte Handelsweg wurde schon 100 v. Chr. in griechischen Aufzeichnungen als wichtiger Karawanenweg erwähnt, in der Römerzeit durch Legionen beschützt und später weiter ausgebaut. Einige Wachtürme zeugen heute noch von der Bedeutung der Straße.

Ich passierte den Wintersportort Gudauri mit seinen fünf Sesselliften und 19 Kilometer Abfahrtspisten. Kurz darauf ist der Kreuzpass auf 2395 Meter Höhe erreicht. Dahinter reiht sich am rechten Straßenrand ein Sattelzug hinter dem anderen. Es besteht eine Blockabfertigung vor der russischen Grenze zum Schutz der dazwischenliegenden Ferienorte nördlich des Kreuzpasses. Die Landschaft wird zunehmend eindrucksvoller, tiefgrüne Hänge, blühende Bergwiesen, Felsen und Schneeberge.

Noch kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich St. Stefan. Gleich am Ortseingang rechts, abseits der Nationalstraße S 3, liegt das schöne „Hotel zum grünen Schaf“ im Stil einer Mountain-Lodge ganz aus roten Ziegeln und viel Holz erbaut. Es gibt ein Restaurant mit zwei Ebenen. Es ist auch noch geöffnet – ja es ist sogar viel los, eine 17-köpfige Reisegruppe aus Deutschland sitzt an drei Tischen im unteren Bereich. Ich nehme auf der Empore Platz und bestelle zum Abendessen eine köstliche Hühnersuppe und einen Eintopf mit Rindfleisch und frischen Kräutern. Eine Gruppe junger Einheimischer hat sich nun ebenfalls auf der Empore eingefunden und singt und musiziert aufs Schönste. Der polyphone georgische Gesang kam 2001 in die erste UNESCO-Liste der "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. Hier zitiere ich gerne den russischen Komponisten Igor Strawinsky: „Was die Georgier singen, ist wichtiger als alle Neuentdeckungen der modernen Musik. Es ist unvergleichlich und einfach. Ich habe nie etwas Besseres gehört!“

2. Tag: Kaiserwetter im Kaukasus! Auf dem Weg zum Restaurant spitzt hinter dem ersten grünen Hügel schon der Kazbeg hervor. Eine blendend weiße Schnee- und Eisdecke überzieht den 5.047 Meter hohen Berg. Der Sage nach hat Göttervater Zeus Prometheus an den Kazbeg geschmiedet.
Nach dem reichhaltigen Frühstück mit Weizengrütze, Wiener Würstl, Ei, Brot, Käse und Joghurt fahre ich so gestärkt die Straße, die am Hotel vorbeiführt, etwas höher hinauf, um den berühmten Blick auf den gegenüberliegenden Eisriesen mit der Dreifaltigkeitskirche auf einem grünen Vorberg zu genießen.
Dann wechsle ich die Talseite und kurve von der Ortschaft Gergeti auf halbe Höhe hinauf in Richtung der Kirche. Einige Touristen nehmen den Aufstieg auf sich, andere lassen sich mit einem Allradfahrzeug hinauf chauffieren Mir genügt der Blick von unten auf die Kirche und hinunter ins Tal von St. Stefan.

Der letzte, 12 Kilometer lange Abschnitt der Georgischen Heerstraße führte mich entlang des Terek durch die gewaltige Darialschlucht zum großen, neu erbauten Darialkloster kurz vor dem russisch-ossetischen Grenzübergang. Danach ist es Zeit für eine Ruhepause auf meinem Balkon mit Blick auf die wunderbare Bergwelt.
Am Abend probiere ich im Restaurant eine weitere georgische Spezialität, Chatschapuri – ein überbackenes Käsebrot. Zu dem mächtigen Gericht passt sehr gut ein Rotwein aus Kachetien. Georgien hat eine 6000 Jahre alte Weintradition, ja es wird sogar behauptet, dass die Begriffe Wein, vino, vin und wine auf das georgische Wort „ღვინო / Ghvino“ zurückgehen.
3. Tag: Auf der Rückfahrt kaufe ich an einem der zahlreichen Stände entlang der Straße ein großes Glas Gebirgshonig. Bald zweigt links die Straße ins Sno-Tal ab – nomen est omen. Ich bleibe auf der Nationalstraße 3 und erreiche hinter dem Kreuzpass die Festung Ananuri mit der Wehrkirche „Maria Himmelfahrt“ aus dem Jahr 1689. Sehr schön ist der Blick von der Burgmauer über den Stausee.
Wer keinen Wagen mieten will, kann ab/bis Tiflis auch einen der zahlreichen Expressbusse benutzen.



